Selma - Lagerlöf - Grundschule, mehr als nur Schule ...

Interview Bezirksbürgermeister Marzahn-Hellersdorf,

Gordon Lemm:

„Eigentlich wollte ich Profifußballer werden“

 

 

Unsere Schüler Amir Ludko (im Bild ganz rechts) und David Vagner führten zusammen mit ihrem Lehrer Frank Eckert ein Interview mit dem Bezirksbürgermeister von Marzahn-Hellersdorf, Gordon Lemm. Dabei gab es erstaunliche und interessante Antworten auf unsere Fragen. Etwa die nach seinem Lieblingsessen:
„Spaghetti Bolognese“, verriet er uns.
Aber lest alles selbst. Viel Spaß dabei!

 

Selma-Post (Amir Ludko und Daniel Vagner): Wie wichtig ist für Sie lernen, Herr Lemm?
Gordon Lemm: Lernen ist mega wichtig. Nicht nur in der Schule, aber auch da besonders. Lernen ist sehr wichtig, denn niemand weiß ja alles. Die ganze Welt entwickelt sich. Es gibt immer neuere Technologien, Fragestellungen und Herausforderungen. Und wenn wir nicht lernen würden, dann würden wir im Leben nicht zurechtkommen. Das, was Ihr jetzt macht, machen wir Erwachsenen auch noch. Euer Lehrer Herr Eckert hier hat ja auch mal was ganz anderes beruflich gemacht. Und nur, weil er auch lernen kann und das auch offensichtlich ganz gut kann, konnte er sich selbst aussuchen, was er jetzt gerne machen möchte. Deswegen ist eben auch lernen – ob in der Schule oder im Beruf – ganz wichtig. Wenn Kinder und Jugendliche es schaffen, lernen zu lernen, dann kann man sich später eigentlich alles aussuchen, was man werden möchte. Wenn ihr also schon wisst, was ihr werden wollt, Journalist:in oder was anderes – Habt Ihr schon eine Idee, was Ihr werden wollt? Wichtig ist als Voraussetzung dafür aber immer, dass man dafür brennen muss und Talent hat und dass man lernfähig ist. Dass man weiß, was brauche ich, wie komme ich an mein Ziel? Was muss ich machen, um besser zu werden? Das lernt man im gesamten Leben. Deshalb finde ich lernen super, super wichtig.

Selma-Post: Aber warum ist das denn so wichtig?
Gordon Lemm: Lernen und damit Bildung sind das, was bei uns in Deutschland noch immer jeder schaffen kann. Egal, aus welchem Elternhaus man kommt, wie reich oder wie arm das Elternhaus ist. Der Zugang steht allen offen. Wenn man hier die Möglichkeit wahrnimmt, sich Wissen beizubringen – also zu lernen – kann man in Deutschland wirklich fast alles werden. Deswegen ist lernen allgemein wirklich wichtig, um soziale Unterschiede in Deutschland auch auszugleichen. Und deswegen ist lernen eben auch für mich sehr wichtig.

Selma Post: Lernen Sie auch noch täglich?
Gordon Lemm: Ja. Absolut. Ich lerne auch noch täglich.

Selma Post: Wenn das so ist, was lernen Sie denn genau?
Gordon Lemm: Sehr vieles. Unter anderem auch, dass es schon Fünft- und Sechstklässler gibt, die eine Schülerzeitung machen; so wie Ihr jetzt. Das ist neu für mich tatsächlich. Das lerne ich heute und finde es sehr klasse. Journalist zu sein, Dinge zu fragen und zu hinterfragen, das ist ein wichtiger Job und klärt andere auf. Ich lerne aber auch nicht nur täglich, ich irre mich auch täglich. Das gehört zum Erkenntnisgewinn – also zum Lernen – dazu. Das kennt Ihr ja vielleicht auch aus der Schule. Ich mache täglich Fehler.

Selma-Post: Sie machen Fehler? Welche sind das denn?
Gordon Lemm: Das ist auch wichtig: Man hat beim Lernen eine Idee oder eine Vorstellung, ich probiere Sachen aus und merke dann: Oh, das klappt ja gar nicht. Das ist aber trotzdem wichtig. Bei keinem Menschen – egal ob Bürgermeister, Polizist oder Bundeskanzler – klappt immer alles. Im Gegenteil. Und das gehört eben dann auch dazu. Es gehört eigentlich zum täglichen Leben, dass man ständig lernen sollte. Das fällt sicher älteren Menschen nicht mehr ganz so leicht. Deshalb können sie dann auch was von euch Kindern lernen. Nämlich vor allem, dass man jeden Tag etwas dazulernen kann. Ich lerne auch immer jeden Tag etwas Neues und dazu.

Selma-Post: Gibt es denn Dinge, die Sie nicht wissen, die aber für Sie als Bürgermeister wichtig sind?
Gordon Lemm: Ja, auf jeden Fall. Zum Beispiel kann ich mir sehr schlecht Namen merken. Das ist mir dann auch ganz peinlich. Also Menschen stellen sich mir vor, ich habe den Namen dann ja auch gehört und im Kopf. Zwei Tage später treffe ich diese Menschen wieder und dann sagen sie: „Hallo Herr Lemm“. Und ich weiß dann aber deren Namen nicht. Das ist mir in der Situation total unangenehm. Ich treffe zwar am Tag oder in der Woche hunderte Leute. Aber wenn man dann die Leute getroffen hat, dann möchten diejenigen ja auch, dass sie mit Namen begrüßt werden. Das ist eine Schwäche von mir. Ich bemühe mich, mir die Namen zu merken. Aber das kann ich nicht immer. Manchmal vergesse ich aber auch Zahlen.

Selma-Post: Wie passiert das dann bei Ihnen?
Gordon Lemm: Zum Beispiel haben wir eine neue Schule gebaut, ein Gymnasium in der Erich-Kästner-Straße. Der Bau kostete 57 Millionen Euro. Also sehr, sehr viel Geld. Und dann wurde ich von einer Zeitung interviewt. Sie wollten wissen, was kostete eigentlich die Schule? Eigentlich wusste ich die Zahl, aber ich hatte sie einfach vergessen. Da sagte ich: Das tut mir leid. Das muss ich später beantworten. Vergessen gehört genauso zum Leben. Das ist auch eine der zwei Seiten: lernen und vergessen. Ich vergesse auch viel.

Selma-Post: Haben Sie Kinder, Herr Lemm? Wenn ja, wie viele? Und: Sind Sie verheiratet?
Gordon Lemm: Ja. Ich habe ein Kind. Eine Tochter. Sie ist gerade 18 Jahre alt geworden. Sie ist also schon eine große Tochter und geht nicht mehr zur Schule. Verheiratet bin ich nicht. (Gordon Lemm zeigt seine Hände vor – es kein Ring zu sehen.)

Selma-Post: Wie sieht Ihr Tagesablauf aus?
Gordon Lemm: Der ist nicht immer gleich. Das ist eine der Besonderheiten, dass man als Bürgermeister:in immer verschiedene Tage hat. Bei euch ist das schon eher klar: Ihr steht auf, habt Schule, Sport, Freizeit, seid ihr zu Hause, Abendessen, dann geht ihr schlafen. Bei mir kann ich nie sagen, wie der nächste Tag verlaufen wird. Es gibt ganz viele Termine an den Tagen. Ihr seid ja jetzt auch ein Termin für mich. Ihr steht bei mir im Kalender von „14.30 Uhr bis 15.30 Uhr, Interview Selma-Lagerlöf“. So steht das in meinem Kalender drin. Danach ein Termin mit einem Amtsleiter, das ist eine Führungspersönlichkeit aus dem Rathaus. Anschließend werden wir einen Beirat für queere Menschen – also für Transgender, homosexuelle und so genannte nicht-binäre Personen – gründen, und abends habe ich dann noch ein Gespräch mit verschiedenen Menschen aus unterschiedlichen Parteien aus dem Bezirk. Mein Tag fängt also ungefähr um 8 Uhr morgens an und endet schon mal spätestens halb elf; in der Regel aber um 8, oder halb 9. Ich gehe also morgens um halb 8 aus dem Haus und komme um 9 abends nach Hause. Zwischendurch sind ganz, ganz viele Sachen, meistens Termine, Gespräche mit Menschen, Bürger:innen, mit Journalist:innen. Ich beantworte E-Mails, eröffne Veranstaltungen oder halte Ansprachen und Reden. Deswegen gibt es nicht immer ein und denselben Tagesablauf. Kein Tag gleicht dem anderen.

Selma-Post: Frühstücken Sie?
Gordon Lemm:
Nee. Eigentlich nie, weil ich gern lange schlafe. Und ich nutze jede Minute, die ich schlafen kann. In der Regel hole ich mir, bevor ich das Rathaus betrete, zwei trockene Brötchen und Schokolade. Das esse ich dann um zwölf, halb eins. Abends esse ich in der Regel noch was Warmes.

Selma-Post: Stichwort Essen: Was ist Ihr Lieblingsessen?
Gordon Lemm: Spaghetti Bolognese. Tatsächlich. Das mag ich schon sehr. Und – auch wenn es das nur einmal im Jahr gibt – Gänsekeule mit Klößen. Das ist schon auch ein Lieblingsessen von mir. Aber Spaghetti Bolognese ist mein Lieblingsessen. Was ist denn Euer Lieblingsessen? Selma-Post Daniel: Fast Food. Ich mag Burger sehr. Und Chicken McNuggets. Zum Frühstück mag ich Ei mit Schinken. Selma-Post Amir: Mein Lieblingsessen sind Pommes mit Burger.

Selma-Post: Was ist Ihre Lieblingsfarbe?
Gordon Lemm: Blau. Was man auch bei mir ein bisschen erkennen kann. Ich mag blau sehr.

Selma-Post: Woher kommt das?
Gordon Lemm: Ich weiß es gar nicht. Manchmal korrespondiert es bei den Menschen ja mit der eigenen Augenfarbe. Blau ist auch eine der seltenen Farben in der Natur; abgesehen vom Himmel oder vom Wasser. Ich mag die Farbe einfach ohne einen tieferen Hintergrund. Vom Gefühl her ist es meine Farbe, und sie passt kleidungsstilmäßig auch gut. Blau hat sich einfach so bei mir ergeben. Fußballmäßig passt es eher gar nicht. Da bin ich Union-Fan, dann wäre eher rot-weiß richtig.

Selma-Post: Was haben Sie gemacht, bevor Sie noch kein Bürgermeister waren?
Gordon Lemm:
Direkt davor war ich Bezirksstadtrat. Das ist sowas Ähnliches wie Bürgermeister, nur mit einem ganz bestimmten Bereich. Das war auch hier in Marzahn-Hellersdorf. Da war ich nämlich für die Schulen, Jugendfreizeiteinrichtungen und für die Kitas fünf Jahre lang verantwortlich. Davor war ich Referent beim Bürgermeister in Pankow.

Selma-Post: Was ist ein Referent?
Gordon Lemm: Referent ist jemand, der einem anderen hilft und denjenigen unterstützt bei dessen Arbeit. Davor habe ich lange studiert, habe einige Nebenjobs gehabt, ich war da auch im Bezirksparlament tätig. Ich war Fraktionsvorsitzender der SPD und Bezirksverordneter.

Selma-Post: Gab es einen Traumjob für Gordon Lemm? Bezirksbürgermeister ist ja sicher einer.
Gordon Lemm: Nein, so richtig einen Traumjob hatte ich nicht. Deshalb ist es ja richtig gut, dass Ihr schon wisst, was ihr mal werden wollt. Ich wusste ganz lange nicht, was ich werden will. Ich habe gemerkt, wofür ich mich interessiere.

Selma-Post: Aber Sie haben studiert. Was genau war das?
Gordon Lemm: Ich habe Geschichte, Philosophie und Politik studiert – also Geisteswissenschaften. Ich wollte gerne in der Wissenschaft bleiben, selber Politik machen oder Politiker beraten. In allen drei Bereichen wäre ich gern tätig geworden, und jetzt ist es Politik geworden. Traumjob sonst: Ja, Profifußballer wollte ich werden. Das hatte ich eine ganze Zeit auch auf dem Schirm und Zettel. Ich habe mich aber dagegen entschieden, auf eine Sportschule zu gehen. Man muss Prioritäten setzen.

Selma-Post: Wie alt waren Sie, als Sie Bürgermeister geworden sind?
Gordon Lemm:
Bürgermeister bin ich vor zwei Jahren geworden. Da war ich 43 Jahre alt.

Selma-Post: Warum wollten Sie Bürgermeister werden?
Gordon Lemm: Es war eine von den drei Sachen, für die ich mich interessiert habe. Aber man wird ja nicht zufällig Bürgermeister. Da sind ganz, ganz viele Sachen, die man vorher machen muss. Als Erstes bin ich in eine Partei, die SPD, eingetreten. In die SPD, weil ich gemerkt habe, ich möchte mich einbringen, und habe da überlegt, welche ist die Partei, die am meisten dem entspricht, wie ich denke, wofür ich mich einsetze? Und das war die Sozialdemokratie gewesen. Ich bin in die SPD vor 22 Jahren eingetreten und habe dann viel mitgemacht. Mir persönlich bringt es sehr viel, wenn ich Menschen helfen kann. Das klingt sehr einfach. Das, was mich am meisten motiviert, ist, dass man die Chance hat, Dinge zu tun, dass es bestimmten Menschen dann besser geht.

Selma-Post: Können Sie ein Beispiel nennen?
Gordon Lemm: Ein kleines und schönes Beispiel ist Eure Sporthalle hier an der Selma-Lagerlöf-Grundschule. Die wurde 2019 saniert; das ist vier Jahre her, und es hat euch hier viel gebracht. Man nimmt viel Geld in die Hand, man setzt eine Priorität, dann ist es fertig, und dann nutzt es Menschen wie euch zum Beispiel, wenn Ihr hier eine sanierte, schöne Turnhalle habt. So etwas ist sehr befriedigend zu sehen. Das fand ich wirklich schön, und deshalb wollte ich immer auch Bürgermeister werden, weil ich dann sehen kann, wie Dinge das Leben positiv verändern.

Selma-Post: Können Sie alle Sprachen?
Gordon Lemm: Alle Sprachen? Wie viele Sprachen gibt es denn? Diese Frage gebe ich mal zurück. Weltweit gibt es oder gab es, weil es einige nicht mehr gibt, über 300 verschiedene Sprachen, die noch gesprochen werden. Einige sind ausgestorben. Ich spreche natürlich nicht alle Sprachen. Ich kann englisch, russisch ein bisschen, weil ich das in der Schule hatte, französisch ganz okay und deutsch.

Selma-Post: Spielen Sie Computerspiele? Und wenn ja, welche sind das?
Gordon Lemm: Ja. Ich spiele tatsächlich, wenn ich noch Zeit finde. Denn Zeit ist wirklich mein größtes Problem. Ich habe eine Playstation 4 zu Hause; das Klassische spiele ich da: Fifa, eine Zeitlang hatte ich mal Fortnite gespielt. Das ist aber sehr zeitraubend, das musste ich dann aufgeben. Mein aktueller Titel auf der Playstation ist Walhalla. Oder Rollenspiele und Adventure-Spiele.

Selma-Post: Stichwort „Zuhause“. Gibt's da noch mehr Bewohner? Haustiere. Gibt's welche?
Gordon Lemm: Nein, leider nicht. Ich hatte mal einen Hund und eine Katze. Ich bin ein ganz großer Katzenfan. Ich würde mich freuen, wieder eine Katze zu haben. Aber meine Freundin ist da nicht so der Fan von. Da muss ich noch hart dran arbeiten, dass ich mal wieder irgendwann eine Katze haben kann. Ich bin großer Tierfan, aber Katzen sind für mich schon die besten. Was ist mit Euch? Habt Ihr Haustiere? Selma-Post Amir: Ja, ich habe drei Katzen. Zwei Jungs und ein Mädchen. Die zwei Kater sind schwarz-weiß und die Katze ist braun-schwarz-weiß. Selma-Post Daniel: Ich habe zu Hause einen Hund. Er heißt Mischka, ein kleiner Hund. Ein Spitz.

Selma-Post: Mal was zur Dienstmode: Muss der Bürgermeister immer ein Jacket tragen?
Gordon Lemm: Das ist eine gute Frage, eine wirklich gute Frage. Ich muss das nicht. Ich bin auch privat nicht der Typ, der Jackets trägt. Ich mache es aber mittlerweile fast täglich. Wenn ich mit Mitarbeitenden Termine habe, dann verzichte ich auch schon mal drauf. Aber es gibt schon die Erwartungshaltung der Bürger:innen, dass der Bürgermeister irgendwie schick aussieht, also einen Anzug anhat oder wenigstens ein Jacket. Deswegen sage ich mir dann, das ist Berufskleidung. So wie ein Polizist eine Uniform trägt, muss eine Bürgermeisterin oder ein Bürgermeister was Schickes anhaben und ein Jacket anziehen. Falls ich mal ganz zufällig und ganz schnell oder überraschend ein Jacket anhaben muss, dann habe ich hier immer einen Ersatzanzug parat.

Selma-Post: Und dazu passen dann Turnschuhe?
Gordon Lemm: Ich bin auch immer noch Freund von Turnschuhen; ich trage die einfach ganz gerne. Die kann man auch zum Anzug nehmen. Aber wenn der Anlass schon festlicher sein muss – Leute werden ausgezeichnet oder eine große Veranstaltung findet statt – dann ziehe ich mir auch feste Schuhe an. Das ist für mich ein Zeichen des Respekts gegenüber den Menschen, denen ich begegne. Ich muss das alles nicht machen, es ist keine Pflicht, einen Anzug zu tragen, aber oft wird es erwartet, und häufig mache ich es dann.

Selma-Post: Muss man ein Mindestalter haben, um Bürgermeister:in werden zu können?
Gordon Lemm: Ja. 28 Jahre. Es gibt auch ein maximales Alter. Man darf auch nicht älter als 65 Jahre sein.

Selma-Post: Im Bildungsreport 2022 war Berlin Vorletzter. Hamburg war auch mal ganz unten. Jetzt hat die Hansestadt es auf einen der vordersten Plätze unter die Top 3 geschafft. Wie kann es Berlin gelingen, sich wieder nach oben zu arbeiten? Im Kleinen wie hier im Bezirk fängt sowas ja sicher an. Warum ist Berlin überhaupt Vorletzter im Bildungsreport 2022?
Gordon Lemm: Im Bildungsreport werden ja Wissenstand und/oder Fähigkeiten in den entsprechenden Altersklassen erhoben. Da sind Bayern und Baden-Württemberg in der Regel immer die Führenden. Die haben bei sich eine sehr homogene Länderstruktur; keine riesigen Ballungszentren. Das spielt schon mal ein bisschen mit rein, dass da Berlin als Ganzes kompakter und als Großstadt eine Besonderheit hat. Eine einfache, alles erschöpfende kluge Antwort gibt es da nicht.

Selma-Post: Warum nicht?
Gordon Lemm: Bildung ist ein hochumstrittenes, sensibles und hoch politisches Thema, wozu jede Frau und jeder Mann und jedes Kind eine Meinung hat. Wie zum Wetter. Es ist allein schon schwierig, dass es nicht ein objektives, bestes pädagogisches Modell gibt. Auf der anderen Seite sind die Lern- und Rahmenbedingungen in Berlin immer noch schwierig: sehr volle Klassen, zu wenig Lehrkräfte; diese Situation wird sich auch weiter zuspitzen. Der Lehrkräftemangel wird zunehmen. In Ballungsräumen nimmt die Anzahl von bildungsfernen und armen Familien zu. Das zieht das Gesamtniveau bei diesen Untersuchungen herunter. Aber wir wollen ja trotzdem diese sozial durchmischten Schulen haben mit allen Ausprägungen. Es ist also eine große Problemstellung, die Berlin hat.

Selma-Post: Kann man das denn nicht ändern?
Gordon Lemm: Meine Partei – die SPD – setzt sich stark dafür ein, dass wir eben diese soziale Durchmischung haben. Der Bildungserfolg soll nicht von der Herkunft im Elternhaus abhängen. Wie man aber anhand der Statistik sieht, ist das ein sehr harter Kampf. Ich glaube nicht, dass es da ein einfaches Konzept gibt. Ein anderes Bundesland zu kopieren, ist sicher zu einfach. Ein anderer Stadtstaat wäre da schon besser. Doch lässt sich auch Hamburg hier nicht einszueins übertragen.

Selma-Post: Was ist also Ihr Vorschlag?
Gordon Lemm: Ich bin ein Anhänger von neuen Konzepten. Es müsste oder sollte ein eigenes Fach Medienpädagogik geben. Stichwort: Demokratiebildung. Damit die Jugendlichen und Kinder lernen zu unterscheiden, wo kriege ich richtige, wo kriege ich echte Informationen her? Welche Interessen gibt es – von wem auch immer – Informationen in einer bestimmten Art und Weise aufzubereiten? Welchen Quellen kann ich vertrauen? Und: Die schon früher eher als leicht benannten Fächer Musik, Kunst, Sport würde ich vielmehr in den Vordergrund stellen wollen. Alleine Wissen zu reproduzieren, kann eigentlich nicht mehr die sinnvolle Strategie der Wissensvermittlung sein. Das kriege ich heute alles besser über die so genannte „Künstliche Intelligenz“ geregelt.

Selma-Post: Also, was brauchen wir?
Gordon Lemm: Eigentlich brauchen wir ja kreative Kinder, Jugendliche, Heranwachsende, die Interesse an ihrer Umgebung, an ihrer Umwelt haben und diese gestalten und sich einbringen wollen und lernen wollen. Das kriege ich mit dem jetzigen Schulsystem nicht so gut hin. Deswegen wäre ich da für eine andere Herangehensweise. Aber das ist ein mächtiges Brett, jeder hat da seine Meinung. Viele sind da auch sehr konservativ.

Selma-Post: Brauchen wir vielleicht einen Senator:innen-Posten für Medienkompetenz?
Gordon Lemm: Also schaden würde es nicht. Flächenländer haben ja die Digitalisierungsministerien geschaffen, wo Medienkompetenz ein Unterbereich ist oder sein könnte. Im Curiculum ist ja auch aufgenommen, dass in jedem Fach Medienkompetenz eine Rolle spielen sollte. Aber zurück zur Schule: Es braucht, glaube ich, ein eigenes Lehr- und Lernfach Medienkompetenz, denn wir müssen unsere Lehrkräfte auch befähigen, diese Herausforderungen der Digitalisierung und der vernetzten Welt unseren Kids vermitteln und beibringen zu können.

Selma-Post: Brandenburg ist ganz nah dran an Marzahn-Hellersdorf. Was bedeutet das im Konkurrenzkampf um gute Lehrkräfte für Marzahn-Hellersdorf?
Gordon Lemm: Das Land Berlin hat sich ja wieder zur Verbeamtung von Lehrkräften durchgerungen, was ja gerade für uns als Außenbezirke ein großes Problem war wegen der Verbeamtung von Lehrer:innen in Brandenburg. So sind viele Lehrkräfte nach Brandenburg abgewandert. Zumal, wenn diese Lehrer:innen hier gewohnt haben und 500 Meter weiter in Brandenburg arbeiten gegangen sind. Dann sagen sie sich: Da werde ich Beamter. Diesen Unterschied gibt es nicht mehr, was schon mal sehr viel Wert ist.

Selma-Post: Was kann man denn da als Stadtbezirk Marzahn-Hellersdorf machen, damit neue Lehrkräfte hierher kommen?
Gordon Lemm: Wir versuchen bestimmte Benefits anzubieten: Kitaplätze für Bewerber:innen mit junger Familie, wenn sie herkommen. Wir versuchen bei der Wohnraumvermittlung tatkräftig zu unterstützen. Und wir zeigen, dass wir tolle Schulen, tolle Schüler:innen haben in unseren Werbevideos. Was wir nicht ausgleichen können, das ist der schlechte Ruf, den wir nach wie vor haben. Marzahn ist halt ein bundesweites Chiffre – ein Markenzeichen – nach dem Motto: Oh, die Schule ist in Marzahn. Dann haben Menschen aus dem alten Bundesgebiet ihre großen Vorurteile.

Selma-Post: Ein ewiges Thema bei uns an der Schule ist die Freifläche neben unserem Gelände. Dort, wo mal unser Schulgarten gewesen ist. Die Fläche verkommt, es liegt viel Müll herum; insbesondere von Silvester. Wird sich das bald ändern? Uns ärgert der Müll – auch auf dem Parkplatz vor der Schule – schon sehr.
Gordon Lemm: Dort soll ja eine Kita entstehen. Die soll auch immer noch entstehen, und die AWO (die Arbeiterwohlfahrt/d.R). will noch immer bauen. Das Gebäudefundament ist auch schon geplant. Wir brauchen diese Kita hier. Für den notwendigen Erbbaupachtvertrag für dieses Freifläche sind wir in den letzten Zügen, das wird vorbereitet. Ja, es hat etwas gedauert, das lag auch an uns, am Bezirksamt hier in Marzahn-Hellersdorf. Was die Ordnung dort direkt angeht: Bitte über die Schulleiter uns informieren, dann kümmern wir uns darum, dass die Missstände da auch beseitigt werden. Das mit dem Müll dort ist natürlich ein Ärgernis. Das verstehe ich gut, und ich verstehe auch voll Euren Ärger darüber.

Selma-Post: Wir haben Krieg zwischen Russland und der Ukraine. Wie denken Sie über die Situation dort vor Ort?
Gordon Lemm: Ich mache mir, wie viele Menschen bei uns, große Sorgen um die Region und die Menschen dort. Krieg ist immer der schlechteste aller möglichen Zustände, die schlechteste Alternative für die Menschen. Es wird sicher keine schnelle Lösung geben. Umso mehr ist es wichtig, dass wir den Menschen im Kriegsgebiet, egal von wo sie kommen, unsere Hilfe anbieten. Und natürlich hat jedes Land ein Recht darauf, dass es sich verteidigen kann. Da stehen wir allen, die unsere Unterstützung brauchen, zur Seite; besonders jetzt der Ukraine.

Herr Lemm, wir bedanken uns herzlich für dieses Gespräch.
Fotos (2): Frank Eckert

 

Anmerkung der Selma-Redaktion: Das Interview führten die beiden Schüler Amir Ludko und Daniel Vagner zum Zeitpunkt am 31. März 2023, als Gordon Lemm noch Bezirksbürgermeister von Marzahn-Hellersdorf gewesen ist. Seit 28. April 2023 ist er es nicht mehr. Seine Nachfolgerin Nadja Zivkovic von der CDU trat ihr Amt am Abend des 28. April 2023 an. Sie war bisher stellvertretende Bezirksbürgermeisterin und Bezirksstadträtin. Gordon Lemm verbleibt im Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf als Bezirksstadtrat.